Ein Riesenschritt für die Freiheit

sd. 15. Nov., Basel. Künftige Generationen werden wohl nicht die UN-Menschenrechtserklärung von 1948 oder die Einführung des allgemeinen Wahl- und Stimmrechts 1971  in Erinnerung behalten, wenn es um de Kampf für die Freiheit in der modernen Schweiz geht, sondern viel eher das neue Video on Demand-Angebot einer Telekommunikationsfirma.

Ab letzter Woche hat eine Telekommunikationsfirma einen riesigen Durchbruch angekündigt. Mit ihrem neuen Angebot könne stehe einem nun nämlich „rund um die Uhr eine grosse Auswahl an Filmen aus verschiedenen Sparten zur Verfügung. Ob Kinofilm, Klassiker, Konzerte oder Erotikproduktion; stellen Sie sich nach Lust und Laune Ihr Wunschprogramm zusammen. Unabhängig vom Fernsehprogramm. Die bestellten Filme können Sie anhalten, zurück- und vorwärtsspulen und innerhalb von 24 Stunden so oft anschauen wie Sie wollen. Wie den Leihfilm aus Ihrer Videothek – aber den Weg dorthin können Sie sich sparen. Und die günstigsten Filme gibt es schon ab CHF 3.50.“

Konsumentenschützerin Konstanze Konrad ist begeistert: „Lange waren wir vom Konsumentenschutz mit den meisten Telekomfirmen Spinnefeind, weil diese immer mit trügerischen Angeboten Konsumenten in die Falle locken wollten. Dieses Angebot nun aber hält was es verspricht: die totale Freiheit! Da sind für einmal die Kunden aber voll am Drücker! Sie wollen zuerst einen Klassiker, dann die Erotikproduktion und zum Abschluss vielleicht noch ein klassisches Konzert? Kein Problem, Sie bestimmen! Und vergessen Sie nicht: das alles gibt es nun auch in HD-Qualität!“

Kuno Kummer, Kunde seit Beginn des Angebots, berichtet: „Ich möchte nun nicht übertreiben, aber ich fühle mich schon viel freier, seit ich mein Fernsehprogramm selbst zusammenstellen kann. Nur schon die Fernbedienung in die Hand zu nehmen, gibt einem ein prickelndes Gefühl, es ist wie, als ob, wie soll ich sagen … Macht! Genau! Man ist Herr über sein eigenes Schicksal und kann selbst bestimmen! Ich halte das für die grösste Errungenschaft seit der Französischen Revolution. In der Schweiz mussten wir natürlich nicht von Null anfangen, wir haben schon vor der Einführung des Video on Demand viele Freiheiten besessen. Beispielsweise konnte man schon vorher im Coop zwischen 84 verschiedenen Waschmitteln wählen, ganz individuell, je nach Waschmitteltyp. In anderen Ländern ist man davon noch weit entfernt.“

Philosoph Philip Filiband ist überzeugt, dass das neuartige Angebot den Begriff der Freiheit nachhaltig verändern werde. „Viele Philosophen, die sich mit dem Thema Freiheit auseinandergesetzt haben, sind leider schon verstorben. Immanuel Kant bespielsweise wäre sicher überaus begeistert gewesen; der Mann, der sein Königsberg nur ungern verliess, hätte sich so die Welt in sein Studierzimmer holen und damit die uneingeschränkte Freiheit geniessen können, die mit diesem Angebot gratis mitgeliefert wird! Für nur 9 Fr. pro Film hätte er aus einem riesigen Angebot von Erotikfilmen denjenigen auswählen können, nach dem ihm die Laune gewesen wäre!“

Nach unzähligen Briefen und Mails von begeisterten Menschen meldete sich gestern Sonntag Kabel Komm, der CEO der Firma, die sich nun völlig berechtigterweise auf die Schulter klopfen darf, an einer Pressekonferenz zu Wort. Nach fünf Minuten begeisterten Applauses – viele der Anwesenden kämpften mit Tränen der Rührung – richtete er sich in einer bewegenden Rede an das Volk: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, ich habe von Ihnen so viele dankbare Rückmeldungen gekriegt, in denen Sie mich aufforderten, die Schweiz wachzurütteln mit weiteren solchen Schritten! Ich habe nun die Konsequenzen daraus gezogen und kündige hiermit an, dass ich mich den Wahlen im nächsten Jahr stellen werde! Wir befinden uns momentan noch in Diskussionen mit Geert Wilders, der hat nämlich ein Problem damit, dass wir unsere Partei Partei für die Freiheit nennen möchten. Ich verspreche Ihnen aber hier und jetzt, dass wir siegen werden! Es lebe die Freiheit!“

Unter tosendem Applaus verabschiedete sich alsbald Kabel Komm, ein Mann von dem wir sicherlich noch hören werden in den nächsten Jahren. Die Menschenmengen lösten sich langsam auf als die Menschen nach und nach ihren Heimweg antraten, auf dem Weg in ihre Wohnzimmer, wo ihr eigenhändig gestaltetes Abendprogramm am Fernseher lief, und sicherlich auch auf dem Weg in eine bessere, fairere und vor allem freiere Zukunft.

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