Die Wahrheit hinter den albanischen Bet-Sweatshops Teil 1

sd. 18. Nov., Tirana. Im d’zwible-Artikel von gestern Mittwoch wurde nebenbei darauf verwiesen, dass offenbar viele Gläubige albanischen Nonnen die Gebetsarbeit überlassen, um selbst nicht allzu sehr vom täglichen Leben abgelenkt zu werden. Wagemutig stürzte sich nun sd. in den investigativen Journalismus, verkleidete sich als Nonne, frischte sein Albanisch auf, und schickte sich an, herauszufinden, wer diese Nonnen sind und zu welchen Bedingungen sie diese spirituelle Drecksarbeit verrichten und nahm das nächste Flugzeug nach Tirana. Was sd. aufdeckte war genauso herzzerreissend wie im höchsten Masse ungerecht. Gar einen Fall von Etikettenschwindel flog durch sd.s Recherchen auf.

Es ist ein grauer Morgen, als ich in Tirana am Internationalen Mutter-Teresa-Flughafen ankomme. Vor der Passkontrolle schaue ich nochmal in den Spiegel und dann in meinen Pass und entschliesse mich die Nonnenverkleidung für’s erste wieder abzuziehen. Viele Menschen sind nicht da, und der Polizist von der Passkontrolle wirft mir misstrauische Blicke zu, die ich mir nur damit erklären kann, dass ich meine Nonnenhaube auf meinem Kopf vergessen habe. Kalt läuft der Schweiss. Es stellt sich raus, dass die Aufregung umsonst war; der Beamte scheint nicht allzu sehr an seiner Arbeit interessiert zu sein.

Ich warte auf meine Kontaktperson Theresa in einem heruntergekommenen Café, als eine ungefähr 30-jährige Frau den Raum betritt, nicht ohne vorher die Gegend mit misstrauischen Blicken abgesucht zu haben. Sie bestellt sich Wodka, und da ich mich nicht allzu gut mit den hiesigen Gepflogenheiten auskenne und ich nicht gegen ungeschriebene albanische Gesetze verstossen möchte, nicke ich nur, als sie mir ein Glas vollschenkt.

Ob sie schon von der Ablassindustrie in ihrem Land mitbekommen habe, sagt sie mir alsbald ungläubig, „natürlich! Jeder hier weiss davon, nur hat niemand den Mut sich darüber mit Ausländern zu unterhalten.“ Ein verächtliches Schnauben verrät mir die Antwort auf meine Frage, wie sie mich denn sogleich als Ausländer erkannt habe. „Albanien ist als Land dafür wie geschaffen. Erstens hat es eine der weltbekanntesten Nonnen hervorgebracht, ja, Mutter Theresa hiess mit richtigem Namen Agnes Gonxha Bojaxhiu und ihre Familie kam aus Shkodër. Mit jemandem wie Mutter Theresa kann man natürlich viele junge Mädchen dazu bringen sich für eine Heirat mit Jesus zu entscheiden. Dazu kommt, dass die Infrastruktur hier im grossen und ganzen schon bestanden hatte, bevor der Vatikan das grosse Geld roch. Enver Hoxha war, wie sie sicherlich wissen, in höchstem Masse paranoid und liess über 700’000 Bunker im ganzen Land verteilt bauen.“

Sie schaut mich an, als würde sie erwarten, dass mich diese Tatsache nun unglaublich beeindrucken würde. Sie konnte ja nicht wissen, dass im Land, wo ich herkomme, Enver Hoxhas Plan sicherlich auf Verständnis gestossen wäre, und hätte er den Kalten Krieg überlebt, wäre eine Bunker-Kooperation mit der Schweiz vielleicht durchaus denkbar gewesen. Doch ich schweife ab.

„Anfangs der 90er-Jahre,“ fährt Theresa fort, „kam dann für uns die Depression, die Wirtschaft lag darnieder und überall standen diese Bunker noch rum, von keinem gebraucht. Bis Bischof Schinderkänder, ich erinnere mich noch genau, der war immer so nett zu uns Kindern, auf einer seiner Reisen durch das Land plötzlich von einer Vision Gottes – das sagte er auf jeden Fall – durchdrungen ward.“

So war die Idee geboren, eine regelrechte Gebetsindustrie in den verlassenen Bunkeranlagen aufzuziehen. Anfänglich war der Andrang so gross, dass nur die aussichtsreichsten Bewerberinnen Gelegenheit bekamen, sich in der dreimonatigen Probezeit zu beweisen. Theresa gehörte zu den glücklichen.

„Die Hochzeit mit Christus wurde sehr schnell vollzogen, mir ging alles zu schnell, ich war ja erst 14, und nun sollte plötzlich der Heilige Geist in mich eindringen!“ Nun aber war es zu spät um zurückzukehren. Sogleich wurde ihr eine Nonnenkutte übergezogen und die vorher so nette Äbtin verwandelte sich in eine herrschsüchtige alte Dame, der nichts zu schade war um die jungen Nonnen zu erniedrigen. Jeden Morgen um 5.00 läutete die Glocke im grossen Schlafsaal und die älteren Nonnen schlugen die Mädchen regelrecht aus ihrem steinernen Nachtlager.

„Um 5.15 waren wir dann schon im Hauptsaal, den wir ‚das Verliess‘ nannten, einen schachtförmigen Raum, kaum 5 Meter breit, mit Kniepritschen auf beiden Seiten, und mussten anfangen zu beten. Die schon eingesessenen Nonnen liefen mit Peitschen herum und schlugen auf uns ein, wenn wir länger als 10 Minuten an einem Rosenkranz hatten. Es war die Hölle! Dann mussten wir immer auch auf unsere Nachbarinnen hören, um sie zu denunzieren, wenn sie sich verhaspelten, hätten wir das nicht getan, und sie hätten es rausgefunden, wäre das der sichere Tod gewesen. Eine Woche nichts zu Essen hätte das bedeutet.“

Ich bin nun froh um den Wodka, leere das Glas, schenke mir nochmal ein und schon sind wir auf dem Weg nach Shkodër, wo Theresa ihren Leidensweg begann. Mein Plan ist einfach: Ich zieh mir das Nonnenkleid über und klopfe einfach mal an die Tür des Bunkers. Eine mürrische alte Schachtel zieht die kreischende, rostige Tür auf und krächzt: „çfarë ju dëshironi?,“ sie erkundigt sich nach dem Zweck meines Besuchs. „Unë do të flas me abbess, unë do të flas me abbess, kam ardhur direkt nga Roma“ erwidere ich in meinem makellosen Albanisch. Nun hellt sich ihre Mine auf und sie bittet uns hinein, um uns sogeich den Weg hinunter ins äbtliche Gemach zu zeigen. Ehrfürchtig empfängt uns die Äbtissin, sich in dem Moment wohl fragend, was sie um himmelsmariajosephundlukas falsch gemacht habe, dass sie nun Besuch aus Rom kriegt.

Wir hätten gehört, beginne ich mit einer guten Portion gravitas in meiner Stimme, dass hier in diesem Bunker Etikettenschwindel betrieben werde. Ein Treffer ins Schwarze, wie es scheint, nervös fängt sie an mit ihrem silbernen Kreuz herumzutingeln (Bild links) und, sich wieder fangend, erwidert: „Nein, so Gott weiss, das stimmt nicht!“ Ich bleibe – so wie ich eben bin – steincool und murmle gekonnt uninteressiert: „Wir werden sehen. Wenn sie nichts zu verbergen haben, werden Sie doch bestimmt nichts dagegen haben, wenn wir uns ein bisschen umsehen hier?“ Nun rutscht sie regelrecht auf ihrem Stuhl hin und her und man könnte meinen, der Erzengel Gabriel höchstpersönlich stünde vor ihr, so entsetzt sah sie aus. Wir lassen uns also durch das Bunkerlabyrinth führen, als ich bemerke, dass etwas weiter vorne hastig zwei Türen zugeschlossen werden. „Ich möchte hier rein,“ sage ich. „Und zwar heute noch! Unser guter Ruf steht auf dem Spiel! Das mag Sie hier unten im Bunker vielleicht nicht kümmern aber wir in Rom verbürgen für unsere Gebetsgütesiegel!“ Da läutete es zum Abendmahl, und so mussten meine Recherchen für diesen Tag ruhen.

Gegen Ende der 90er-Jahre, als das Geschäft in der Blüte war, herrschte ein gewaltiger Konkurrenzkampf unter den Bunkerbesitzern; der Vatikan reagierte darauf, indem  er ein Gütesiegelsystem einrichtete, das an die Hühnerhaltung angelehnt war. Es gab nun also Freilandgebet, in Europa sehr beliebt aber dafür fast unbezahlbar, denn die Klöster mussten auch immer wieder renoviert werden, die Nonnen brauchen qualitativ hochwertige Nahrung. Das gemeine Freilandgebet wird im Preis nur noch getoppt vom Bio-Gebet. Auch diese Sparte ist für gewisse Klöster höchst lukrativ. An der untersten Sprosse der Leiter ist das Batteriegebet, oftmals von schlecht ernährten Nonnen, die mit Amphetaminzusätzen im Trinkwasser zwar unglaublich hohe Gebetsgeschwindigkeiten aufweisen (die Geschwindigkeit wird in R/h, d.h. Rosarii per horam, gemessen), die durchaus im hohen zweistelligen Bereich liegen können, wird das Amphetamin richtig eingesetzt, haben aber den Nachteil, dass die die Nonnenfluktuation ausserordentlich hoch ist. Länger als ein paar Monate sind solche Nonnen selten in Gebrauch. Albanien ist bekannt für seine Amphi-Gebetsindustrie, der Bunker in dem wir nun aber sind, hat das Freilandgebetssiegel, was ich nicht recht glauben will und meinen waghalsigen  Nachforschungen deshalb morgen weiter nachgehen werde.

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