Die Wahrheit hinter den albanischen Bet-Sweatshops Teil 2

sd. 19. Nov., Shkodër. Im ersten Teil dieser Serie machte sich sd. auf, die Missstände um die Gebetsindustrie in Albanien aufzudecken. Er tat dies kühn, tapfer und unerschrocken und schlich sich gestern als Obernonne Camelia aus Rom verkleidet in einen dieser berüchtigten Sweatshops. Hier beschreibt er nun, was er zu sehen bekam, und welche weltbewegenden Entdeckungen er dabei machte.

Es ist Morgen und aus irgendeinem Grund brummt mein Schädel in einer gar höllischen Intensität, was wohl nur damit zu tun haben kann, dass natürlich auch der Wein, der gestern zum Abendessen serviert wurde, aufs Gründlichste untersucht werden musste. Ich hoffe nur, dass ich mich nicht verraten habe, denn erinnern kann ich mich nicht mehr allzu gut an den gestrigen Abend. Auf den ersten Blick scheint alles beim Alten, und nach einem Aspirin erstrahle ich wieder in alter Frische.

Ich öffne also die Türe, die, wenn man je in einem guten, soliden Luftschutzkeller in der Schweiz war, gar mickrig dünn scheint, da plötzlich bewegt sich etwas hinter mir im Zimmer. Wie, um Himmels Willen, kam Theresa denn in meinem Bett zurecht, frage ich mich, frage die Frage aber nicht zu Ende, will die Antwort nicht wissen.

Grosses, sage ich mir, Grosses erwartet mich am heutigen Tag, und grosse Taten erwartet auch das heimische Publikum! Ich schicke mich also ein zweites Mal an die Tür zu öffnen. Zu meinem Erstaunen warten zwei Nonnen vor der Türe und fragen mich in unterwürfigem Ton, ob es mir genehm wäre ihnen zu folgen, das Frühstück sei bereit. Dass es mir eine Ehre wäre, will ich sagen, merke aber früh genug, dass zu meiner Tarnung auch das herrische Auftreten gehört und antworte gereizt und fluchend, dass das jetzt aber auch langsam Zeit wurde, herrgottssakramentnochmal! Wie vom Blitz getroffen, huschen sie mir voran in den grossen Esssaal, wo ein vorzüglichstes Morgenessen auf mich wartet.

Nervös sitzt auch schon Äbtissin Amalia am gedeckten Tisch, und fragt mich sogleich, ob ich gut geschlafen hätte. Mürrisch nicke ich und wende mich den Eiern zu. „Ich verlange hiermit die Schlüssel zu allen Türen und Toren des Bunkers,“ herrsche ich sie an. „Selbstverständlich, Obernonne Camelia,“ antwortet sie zerknirscht, währenddem ich mich am wahrhaft lobenswerten Speck gütlich tue. Theresa und ich lassen uns den Schlüsselbund reichen, und machen uns auf den Weg. „Nein, verflucht noch mal, wir brauchen keine Begleitung!“ schreie ich als Antwort auf Amalias Angebot, auf welches ich gut verzichten kann, denn Theresa kennt den Bunker noch in- und auswendig.

Als sie nämlich drei Jahre eingesperrt war und unter erniedrigsten Bedingungen unzählige Zwangsgebete verrichtet hatte – sie war eine der Besten, sagt sie mir nicht ganz ohne Stolz, mit einem Gramm Speed am Tag schaffte sie durchaus während einer ganzen 18-Stundenschicht einen 78 R/h-Schnitt aufrecht zu erhalten, was für lange Zeit als Bunkerrekord galt – fasste sie den Entschluss zu fliehen. In Mühsamer Kleinarbeit merkte sie sich jeden Winkel des Bunkers, so dass auch Sean Connery auf sie stolz gewesen wäre. Von irgendwoher besorgte sie sich eine Waffe und schoss sich dann den Weg an den Wächterinnen vorbei in die Freiheit. Sie zeigt mir eine Foto von ihr aus dieser Zeit, und ich muss zugeben, ich bin beeindruckt. Nebenbei erzählt sie mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, dass sie jemand wiedererkenne, denn sie habe sich den Weg überaus gründlich freigeschossen damals.

Jemand besseren hätte ich mir also nicht suchen können um mein waghalsiges Ziel zu erreichen. Wir fangen gleich an mit den zwei Türen, die gestern so hastig vor uns verschlossen wurden. Die erste ist mit fünf verschiedenen Schlössern verriegelt, und die Neugierde gross. Nachdem wir alle Schlüssel ausprobiert haben, öffnet sie sich wie von Geisterhand, und was wir zu sehen bekommen, ist ein Bild des Grauens. Wir befinden uns auf einer Empore in einem riesigen, sicher 20 Meter hoch und je 200 Meter breit, und äusserst stickigen Raum und unten knien hunderte, was sag ich!, tausende von gekrümmten Wesen, eingehüllt in dreckige Lumpen, die wohl einmal Nonnenkutten waren, nun aber nunmehr im entferntesten dran erinnern. Der Raum wird zudem von einem ohrenbetäubenden Murmeln durchdrungen, das nur alle paar Sekunden durch Peitschenhiebe übertönt wird. Es patrouillieren alte, hässliche, verschrumpelte und verwarzte Nonnen mit steinernem Blick, und man sieht auf den ersten Blick, dass die ganz genau wissen, wie man mit eine Peitsche umgeht. Eine blecherne Stimme aus den alten Lautsprechern bellt immerzu: „Seelenheil, Seelenheil, Seelenheil für Bischof Schinderkänder!“

„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, sagt eine entsetzte Theresa neben mir. „Dieser Schinderkänder! Er lässt sie alle nur für sein Seelenheil beten, Gott stehe ihm bei!“ Was das zu bedeuten habe, frage ich sie. „Ja siehst du das denn nicht?!“, erwidert sie gereizt, „Diese Gebete wären für die armen Laiengläubigen bestimmt!“ Ich verstehe ihre Aufregung nicht vollumfänglich, denn mir ist als liege hier auch noch etwas Anderes im Argen. So glücklich sehen die Batteriegebetsnonnen nämlich nicht aus, und auf dem Gütesiegel des Shkodër-Klosters steht nämlich, dass die Gebete hier aus biologischer Produktion stammen. „Das ist ja unerhört!“, rufe ich aus, „das ist ja der reinste Etikettenschwindel!“

Liebe Leser und Leserinnen, vielleicht kennen Sie mich und d’zwible inzwischen schon ein bisschen und können bestätigen, dass ich ein relativ toleranter Mensch bin. Eines jedoch, sage ich Ihnen hier und jetzt, kann ich einfach nicht ertragen, und das ist Etikettenschwindel! Das ist als ob jemand eine Internetseite aufbauen würde, so tut als wären dort Nachrichten zu finden, und stattdessen etwas Anderes, nehmen wir als Beispiel Satire dort hochlädt! Ich bin mir sicher, Sie können sich meine Empörung nicht nur vorstellen, sondern auch teilen.

Bischof Schinderkänder, war, wie bereits im letzten Artikel erwähnt, eine treibende Kraft hinter dem Aufbau dieser Industrie anfangs der 90er-Jahre. Er war es denn auch, der dem Päpstlichen Rat für die Laien, den Vorschlag unterbreitete, das damals herrschende, wenig effektive Gebetswesen zu reformieren. Er konnte dem damaligen Präsidenten Kardinal Fabenknigg überzeugen, dass in Zukunft nur ein Outgesourctes Gebetswesen konkurrenzfähig bleiben könnte, und wenn die Kirche zu lange die Entwicklungen abwarte, bestünde die Gefahr von den Heiden, besonders den Muslimen überholt zu werden.

In islamischen Gebieten wie zum Beispiel Indonesien hat man bereits 1985 zur Grossproduktion gewechselt, mit dem Resultat, dass 1993 allein Indonesien pro Tag 120-150 Seelenheile (S/d) hervorbrachte und dies zum Spottpreis von um die 100 Fr. pro Seelenheil (Fr/S). Ganz Europa hingegen brachte es im gleichen Jahr auf den Schnitt von 40-50 S/d zu ungefähr 170 Fr/S. Damit hatte Europa im Vergleich eine um 75% kleinere Produktivität als Indonesien bei zu 170% höheren Preisen.

Da Outsourcing-Praktiken in dieser Zeit auch in der Privatwirtschaft besonders beliebt waren, war es Bischof Schinderkänder ein Einfaches, Kardinal Fabenknigg von seinem Plan zu überzeugen, und da er auch auf die Hilfe des Kardinals Rat Singer zählen konnte, hatte er schnell alle Fäden in der Hand. Vordergründig wurde der Schein bewahrt, dass die Gebetsindustrie nur für die Laien, die sich für teures Geld Gebetsstunden kauften, aufgebaut wurde. Bischof Schinderkänder hatte jedoch, wie wir sehen werden, andere, fast schon teuflische Pläne.

„Das führte er also die ganzen Jahre im Schilde! Jetzt wird mir Alles klar,“ meint Theresa flüsternd zu mir. Ich höre gespannt zu, denn mir ist überhaupt nichts klar, abgesehen davon, dass es sich hier um einen besonders dreisten Etikettenschwindel handeln muss. „Wir hatten in der Anfangszeit noch für die Laien gebetet, nach zwei Jahren oder so, flossen immer mehr Schinderkändergebete ein, und ich kann mich daran erinnern, dass ich mir ein paar Mal dacht, dass es ein lustiger Zufall sei, dass dieser Name so oft vorkomme. Aber es war also gar kein Zufall! Vor Angst um sein Seelenheil – es sind zum Teil schreckliche Sachen geschehen, als er hier war; aber uns Mädchen hat er nie angerührt – hat er sich die Fabrik sukzessive zu eigen gemacht, bis nun nur noch ein Gebet verrichtet wurde und zwar Seins! Mein Gott,“ schnaubt sie neben mir, und ich muss zugeben, ich verstehe die Aufregung nicht ganz, und vor allem, wie gleichgültig sie diesem Gütesiegelbetrug entgegnet. Sie scheint etwas im Kopf nachzurechnen und nach einer langen Minute ruft sie aus: „Wenn meine Berechnungen stimmen, wird er in ein paar Tagen das absolute Seelenheil erreicht haben! Das müssen wir verhindern!“

Mir wird das alles zu viel und ich denke mir, dass wohl eher sie das verhindern müsse,  da mir das Seelenheil eines von irgendwo dahergelaufenen schlüpfrigen alten Herrn nun doch zugegebenermassen an meinem asinum vorbeigehe, verlasse den Raum und komme zurück in den Korridor, wo wir unsere Suche starteten. Ich öffne die zweite Tür und der Raum ist nicht kleiner als der erste. Nur ist er menschenleer und es riecht wie in einer Bibliothek. Das muss das Archiv sein, denke ich, scharfsinnig wie ich bin, und suche mir einen der vielen Computer aus, die dort rumstehen.

Ich fange an in den Unterlagen zu blättern und es wird mir sogleich bewusst, dass ich hier in ein Wespennest gestochen habe. Hier wimmelt es von bekannten Namen hinauf bis an die höchsten Entscheidungsstellen, und dies nicht nur im Vatikan!

Meine Befunde werden im Teil 3 der Serie bekanntgegeben. Wie immer können Sie über die wagemutigen Abenteuer unseres Korrespondenten sd. auf dem Laufenden bleiben, indem Sie den überaus praktischen RSS-Feed aktivieren. Darüber hinaus bleiben Sie auch sonst stets auf dem aktuellen Stand der Dinge.

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